MANOS SIFAKIS

DER ERFOLGREICHSTE LÄUFER KRETAS, GRIECHENLAND

Emanouil Nektarios Sifakis


Es war der 18. März 2012, als ich diesen großen, ruhigen und bescheidenen Mann zum ersten Mal traf. Ich war auf dem Weg zur ersten Reihe der Startlinie des Limassol-Marathons in Zypern mit Tausenden von Läufern und auf mysteriöse Weise wurde ich von seinem Charisma angezogen, als er da friedlich in einem Zelt saß und seine Schenkel sanft massierte und rieb, während alle anderen nervös herumsprangen. Er hatte einen langen Bart und sprach sehr freundlich und sanft, nachdem wir uns auf höflicherweise bakannt gemacht hatten. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht dass in jenem Jahr sein Vater verstorben war, was der Grund für den langen Bart war, der im Todesfall eines Familienmitglieds eine griechische Tradition ist.

Dann drängte ich mich in die erste Reihe, um meine Pole Position für das Rennen zu sichern. Ein paar Wochen später sah ich ein Video vom Start des Rennens, in dem mir klar wurde, dass er ihn verpasst hatte, was verdeutlichte, wie verloren er in seinen Gedanken war, aber er beschleunigte jedoch rasch um aufzuholen. Er war damals 38 Jahre alt, aber es sollte sein bestes Marathonjahr seiner gesamten Laufkarriere werden, welche er mit erst Anfang 30 begonnen hatte. Ich war in perfekter Form und lief einen meiner besten Marathons überhaupt, aber die Temperaturen waren zu hoch, um einen persönlichen Rekord aufzustellen. In diesem Rennen gelang es ihm dennoch, eine Bestzeit zu laufen. Während Jebel Kassahun aus Eritrea die Führung übernahm und später das Rennen zum zweiten Mal gewinnen konnte, wurde er von mir dicht gefolgt, Michael Keenan und Manos, schlossen die Lücke schnell nach dem Start und pendelten sich auf ein starkes Tempo von 3:47 min/k ein während der ersten Hälfte. Nach 30 km verlor ich meinen Anschluss zu Manos, der auch selbst seinen Anschluss zu Michael verloren hatte, welcher den 2. Platz belegte. Manos wurde 3er in einer PR von 2:44:23, dicht gefolgt von mir mit einer 2:46:43.

Danach habe ich ihn jahrelang nie wieder gesehen, aber ich habe online weiter nach ihm gesucht, weil mich diese Begegnung so berührt hatte, dass ich meine Suche nach über mehr als 4 Jahre fortgesetzt hatte, bis wir uns irgendwie über das Internet wiedergefunden hatten. In der Zwischenzeit hatte ich herausgefunden, dass er seine PR im selben Jahr beim Athen Marathon 2012, welches sicherlich eines der härtesten 42-km-Rennen weltweit ist, noch einmal auf 2:38:14 verbessern konnte.


Nachdem ich so lange nach ihm gesucht hatte, beschloss ich, mich ihm auch für den Athen Marathon 2016 anzuschließen. Das Wiedersehen auf der Athens Marathon Expo war etwas ganz Besonderes und es war mir eine wahre Ehre, wieder mit ihm auf der Straße des authentischen Marathons zu laufen, der Mutter aller Langstreckenrennen.


Er beschrieb mir den Kurs ausführlich, was für mich von großem Vorteil war.

Gleich zu Beginn des Rennens verschwand er sofort und ich sah ihn nie wieder bis zum 36. Kilometer, wo ich überrascht war, ihn nicht nur einzuholen, sondern auch noch weit hinter mir zurückzulassen, wie Sie im Athen-Marathon-Video unten bei Minute 4:40 sehen können.

Schneller als er zu sein war etwas Besonderes, aber es bedeutete nicht viel, denn er hatte dieses Rennen mit niedrigen 2:40ern mehrmals beendet, einschließlich seiner 2:38 PR, so dass meine 2:53:15 nicht so besonders waren, außer für mich, nicht zuletzt da ich als schnellster Deutscher endete und er die Ziellinie des Kalimarmaro-Stadions in 3:04 Stunden überquerte.

Nach diesem Rennen war er ziemlich deprimiert, kehrte jedoch stärker als je zuvor zurück, da er in seiner Altersgruppe viele Male den griechischen Nationaltitel ginnen konnte und im darauffolgenden Jahr sogar mit einer 2:42 zurückkehrte.

Nach diesem Rennen blieben wir in Kontakt und er lud mich in sein Dorf Agia Varvara ein, damit ich sein süßes Zuhause erforschen und genießen kann. In der Zwischenzeit gelang es ihm, Zichanderer kleiner Rennen in ganz Griechenland zu gewinnen, einschließlich des dreimaligen Gewinns des Kreta-Marathons in den Jahren 2016, 2017 und 2019. 2018 verpasste er den Sieg nur knapp um 36 Sekunden hinter dem großartigen Neuseeländer Paul Marteletti, ein 2:16:49 Marathonläufer, der 6 Jahre jünger als Manos ist.


Darauf konnte er auch sein erstes Apartment in Agia Varvara fertigbauen und schliesslich Anfang 2019 eröffnen, zu welchem er mich ja eingeladen hatte. Pünktlich zum Kreta-Halbmarathon in Arkalohori beschloss ich, meine Flitterwoche mit meiner Frau genau dort in seiner Heimatstadt im Oktober 2019 zu verbringen. Nachdem ich ihn über 7 Jahre gekannt hatte, durfte ich ihn nun endlich besuchen, damit wir zum dritten Mal zusammen laufen können.

Sobald wir mit unserem Sohn ankamen, waren wir nicht nur von der Schönheit der Insel Kreta und der Gastfreundschaft beeindruckt, sondern auch von seiner Wohnung, seiner Fabrik, seinem Zuhause, aber vor allem von seiner Demut, nachdem er so viel im Leben erreicht hatte und nachdem er auch eindeutig der mit Abstand erfolgreichste Langstreckenläufer auf Kreta ist, obwohl er nicht der schnellste ist, doch wenn man einen altersklassen Rechner verwendet, sowie die Tatsache, dass er mit Anfang 30 erst zum Laufen kam, ist er auf einer ganz anderen Ebene im Vergleich zu seinen kretischen Mitläufern.

Wenn ich mir zum Beispiel die Leistung ehemaliger Elite-Läufer und sogar Olympiasieger genauer ansehe, wie im Fall von Stefano Baldini, konnten sie im Alter von Manos keinen Marathon unter 2:45 mehr laufen, was seine Größe und Langlebigkeit erneut unterstreicht.

Ich blieb eine Woche bei ihm und seiner Familie und lernte das kretische Leben, die kretische Küche und seinen Trainingsstil zu verstehen, den ich nicht im Detail offenbaren möchte, aber eines kann ich sagen, dass er in einem enormen Tempo läuft mehrmals in der Woche, wovon sich ein normaler Mensch nicht richtig erholen kann. Mit anderen Worten, er hat theoretisch noch mehr Potenzial, um sich zu verbessern, wenn er es bloss nicht so lieben würde, so oft herumzurasen.

In dieser Rennwoche machte er dasselbe mit 2 harten Trainingseinheiten vor dem Halbmarathon, welche ihn mit ziemlicher Sicherheit kostbare Minuten im Rennen kosten würden. Ich wiederum htte bloß 4 Tage vor dem Rennen mein 3x 1,5 km Routine Sub-Halbmarathon-Tempo absolviert. Das gab mir einen wahren Vorteil ihm gegenüber.

 

Wir hatten eine wundervolle Zeit zusammen und beendeten unsere Tage bei ihm zu Hause, aßen und tranken "beer recovery", wie er es selbst nannte. Seine Frau ist eine wundervolle Köchin, aber ich bin mehr als überzeugt. dass alle kretischen Frauen magische Köchinnen sind. Er schien dieses Rennen nicht besonders ernst zu nehmen, da er sich wie immer einen Monat später ganz auf die griechischen Marathonmeisterschaften konzentrierte. Am Sonntag gingen wir zusammen an die Startlinie und er verschwand erneut im Führungsgrüppchen. Leider haben sich meine Vermutungen bewahrheitet, als ich Manos nach 11 km plötzlich aus der Ferne sehen konnte. Ich näherte mich ihm, während die sengende Sonne auf die getrockneten Felder um uns herum stark schien, welche von Tausenden von Olivenbäumen geschmückt waren. Als ich Manos sah, war ich mir sehr sicher, dass ich sehr gut in der Zeit lag, zumal es sich um einen der härtesten offiziellen Halbmarathons mit einem Höhenunterschied von 251 Metern plus Hitze handelt. Ich schlich mich bei ca. 13 km an ihn heran und er war überrascht, mich über seinem Schulterblick zu erkennen. Nun waren wir eine Gruppe von 3 Jungs, darunter ein junger, starker aufstrebender griechischer Langstreckenläufer Marinos, der sich ebenfalls auf Athen vorbereitete. Wir rannten für die nächsten 6 Kilometer zusammen weiter, danach gelang es mir und Marinos, Manos abzuhängen, aber nur um ein paar Meter. Bei 20 km habe ich es irgendwie geschafft, Marinos loszuwerden. Ich bin den ganzen Weg auf und ab gerannt, vorbei an den hypnotisierenden Musen kurz vor dem offenen Theater von Arkalohori, wo die Läufer jedes Jahr einen herrlichen Zielbereich entgegensteuern, der voller Menschen, Musik und uralter kretischer Küche nur so protzt.

Obwohl ich mich beim 1:21-Finish super stark fühlte, lag Manos nicht weit hinter mir, und gab mir einen zusätzlichen Schub, da er nun auch am jungen Marinos vorbeikam, um seine Ehre zu retten.

Wie erwartet konnte ich also einen Vosprung von etwa 16 Sekunden ins Ziel retten, wobei wir beide mit einer 1:21 den 12. bzw. 13. Gesamtrang belegten.

Es ist wirklich eine wundervolle Geschichte, erneut in der Rangliste direkt hintereinander zu stehen, genau wie in Limassol 2012, als wir uns kennenlernten und die 3. und 4. Gesamtplatzierung belegten.


Dies war eine der sehr seltenen Situationen, in denen Manos seine Altersklasse nicht gewinnen konnte, aber er kam dennoch aufs Podium, obwohl er wie ein Verrückter trainiert hatte, was wiederum nichts Besonderes für ihn war. Mein Vorteil gegenüber ihm war am Ende nicht viel wert, außer der schönen Erinnerung, dass wir gemeinsam mit Leidenschaft des Laufens, gemeinsam gekämpft haben. Zusätzlich wurden meine Füße durch einen Vaporfly Next% unterszützt, welchen er erst später in dem Jahr auf meinen Rat hin erwarb, was ihm wiederum verhalf, seine Ergebnisse im Alter von 46 Jahren erneut zu steigern. Trotzdem war seine beste Zeit auf genau dieser Strecke eine 1: 18, ohne Vaporfly, nur um klar zu machen, wie stark er tatsächlich ist.


Alles in allem ist es schwer, seine Großartigkeit zu beschreiben, da er so viele unglaubliche Rekorde hält, wie man auch unschwer an seiner Medaillen- und Trophäensammlung aus seinem Wohn- und Esszimmer auf den Fotos oben erkennen kann.

 

Aus rund 500 Rennen konnte er mindestens 300 gewinnen.

Von seinen 30 Marathons konnte er 3 gewinnen.

5 km PR 16:32 - 10 km PR 33:55 - Halbmarathon PR 1:16 - Marathon PR 2:38:14 h

Don Marathon Voyage

© 2020 All rights reserved